Brief des Syrers Ahmad Bayan an die Deutschen

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Liebe Deutsche,

Mein Name ist Ahmad Bayan. Ich bin 2015 wegen des Krieges aus Syrien geflüchtet und lebe nun hier in Fulda, dieser schönen Stadt. Ich finde es wichtig, dass wir uns kennenlernen, und wende mich deshalb mit diesem Brief direkt an Sie. Ich hoffe Sie finden Zeit, meine Zeilen zu lesen und über sie nachzudenken. Vielleicht haben Sie sogar Interesse, mir zu antworten.

Ich habe, seit ich hier wohne, gespürt, dass Viele wegen geflüchteten Menschen wie mir Sorgen um die Sicherheit in Fulda und Deutschland haben. Ihnen möchte ich die Hand reichen, denn ich weiß sehr gut, wie sich diese Sorge anfühlt. Um Ihnen das zu erklären möchte ich gerne eine Geschichte erzählen, in der ich Erinnerungen aus meinem Heimatland verarbeitet habe. Ich hoffe sie kann helfen, dass wir einander besser verstehen können. Unsere Muttersprache ist anders als Deutsch, aber ich bin sicher, Sie können die Bedeutung in meinen Worten nachvollziehen.

Ich hoffe wir können es schaffen, die Tränen der Trauer mit den Tüchern der Hoffnung abzuwischen.

In Gedanken stehe ich vor den Trümmern meines Hauses. Doch ich finde keine Tür, um sie mit dem Schlüssel, den ich in einer Spalte versteckte, zu öffnen. Noch heute habe ich alle Schlüssel von unserem Haus, von meinem Zimmer, von meiner Schublade.

Diese müden, zerstörten Mauern gibt es noch immer. Während ich mich an sie erinnere bin ich von Sehnsucht ergriffen, stecke fest zwischen der Nostalgie der Vergangenheit und der Angst vor einer unbekannten Zukunft.

Alles ist in meinem Land unbekannt geworden. Wir haben Angst vor Allem. Seit vielen Jahren leiden wir unter Entbehrung, teilen unsere Schmerzen, verbinden unsere Wunden mit optimistischen Worten, welche nicht zu Realität wurden.

Plötzlich sehe ich die Silhouette einer schlanken Frau vor mir, die sich mir langsam nähert. Es ist die Mutter von Omer. Omer ist tot. Ihre Gesichtszüge haben sich verändert seitdem ihr Kind dem Krieg zum Opfer fiel. Sie hat entschlossen in ihrem Haus zu bleiben, welches eigentlich unbewohnbar ist. Sie hat mir gesagt: „Ich will hier bleiben, wo ich meinen Sohn zum ersten Mal sah, wo er krabbelte und hören lernte, wo er mich zum ersten Mal ,Mama´ rief. Ich will seine Kleidung riechen und seine Spuren bewahren. Ich werde ihn nicht verlassen.“

Eine arme Frau, die vom Krieg heimgesucht wurde. Ich erinnere mich noch an die Nachricht von seinem Tod, die sie wie ein Blitz traf. Ihr Mann war schon früher gestorben und sie hatte sich geschworen, nicht wieder zu heiraten und ihr Leben ihrem Sohn zu widmen. Doch Omer ging, und die Mutter blieb. Eine obdachlose Frau, deren Herz vom Feuer des Krieges verbrannt wurde.

Sie fragte mich nach einem gemeinsamen Freund, der in Haft saß, doch ich musste antworten, dass ich nichts von ihm gehört hatte. Ich erinnere mich an diesen Tag vor seinem Haus, als ein schwarzes Auto ankam, mit zwei großen Männern, die ihn festnahmen. Ich schrie und weinte und wusste nicht, was ich tun soll. Sie nahmen meinen Freund einfach mit und ich wusste nicht, ob sie morgen oder übermorgen auch mich holen würden, denn eine Anklage gab es nicht. Wir wurden wohl angeklagt dafür, dass wir leben wollten, obwohl wir für einen sinnlosen Kampf sterben sollten.

Wir mussten das Land verlassen, denn unser Land schützte uns nicht mehr, wir haben uns nirgends mehr sicher gefühlt. Wir wurden zu Verbannten in unserem eigenen Land.

Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich abreisen musste, wir sehr ich weinte, bis meine Tränen ausgetrocknet waren. Ich sah meinen Vater, und ich sah seine Angst. Die Angst, die so viele in unserem Land haben.

Meine Mutter saß auf einem Gebetsteppich und betete zu Gott, dass er uns vor allem Bösen beschützen möge. Sie versuchte vor meinem Vater stark zu bleiben, der jeden Moment zu kollabieren drohte, weil er die Gefahr der Flucht und des Ertrinkens kannte und wusste, dass er nicht würde helfen können. Schließlich brach mein Vater weinend zusammen. Seine Tränen flossen wie Lava aus einem Vulkan, sie brannten sich in mein Herz und in meine Seele. Ich werde die Tränen meines Vaters nie vergessen.

Schließlich schlingerte das Boot zwischen den Wellen, genauso wie mein Herz. Ich dachte an die vielen Geschichten von ertrunkenen Flüchtlingen, die zu Futter für Fische wurden. Ich wunderte mich, wie Fische dieses Fleisch hatten essen können. Jeder Tropfen Blut muss doch nach einer Menge Schmerzen, Erniedrigung und Beleidigung geschmeckt haben.

Liebe Menschen in Fulda, diese Zeilen sind für mich sehr persönlich. Ich möchte sie ihnen trotzdem zeigen, denn ich glaube, wir brauchen Empathie, um uns besser verstehen zu können. In jeder Gesellschaft gibt es unterschiedliche Menschen, gute und schlechte. Doch was wir niemals machen sollten ist, Gruppen von Menschen in einen Topf zu werfen und wegen schlechter Taten einiger auch andere zu verurteilen. Ich und viele tausend andere wissen wie es ist, verurteilt zu werden, ohne etwas getan zu haben.

Schließlich möchte ich mich bei den vielen Menschen bedanken, die ihre Zeit geopfert haben um uns zu helfen. Ohne diese Hilfe könnten wir es nicht schaffen.

Ich wünsche Ihnen Allen frohe Weihnachten und würde mich über Antworten auf meinen Brief sehr freuen.

Viele freundliche Grüße,

Ahmad Bayan.

Fulda, im November 2018

Ahmads Idee, einen Brief an die Deutschen zu schreiben, entstand nach einem Gruppenausflug unseres Kulturzentrums Welcome In! Wohnzimmer in die Gedenkstätte Buchenwald. Die Gefahren einer gesellschaftlichen Spaltung vor Augen setzte er sich das Ziel, sich an viele Menschen zu wenden und sich mit ihnen über persönliche Gefühle, Ängste und Sorgen auszutauschen, um einander besser verstehen zu können. Es haben sich bereits viele Menschen gefunden, die sich diesem Ansatz anschließen und offene Briefe verfassen möchten. Diese werden im Laufe der nächsten Monate hier auf der Website und gegebenenfalls auch auf anderen Medien unter dem Motto „Trau dich, Fulda!“ veröffentlicht. Wer dazu Fragen hat, ebenfalls einen Beitrag leisten oder auf Ahmads Brief antworten möchte kann entsprechende Texte per E-Mail an traudich@welcome-in.org schicken. Wir bitten dabei um einen respektvollen Umgangston, wobei kontroverse Meinungen selbstverständlich akzeptiert werden.

Ahmads Brief wurde von Ehrenamtlichen redaktionell leicht überarbeitet, um kleinere grammatikalische Fehler auszubessern. Dabei wurde darauf geachtet, den Inhalt und sprachliche Stilmittel, die teilweise aus dem Arabischen stammen, beizubehalten.