Offener Brief eines Aktiven von Welcome In an die Identitäre Bewegung

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 Sagt mal – ihr „Identitären“ – Geht’s noch?

Es macht zurzeit die Runde in Fulda und Umgebung: Die sogenannte „Identitäre Bewegung“ macht sich große Sorgen um ihr herzallerliebstes Vaterland. Masseneinwanderung und Asylmissbrauch würden ihre Traditionen, die sie so lieben, zerstören. Drogenhandel, Gewalt- und Eigentumsdelikte, Müll, Ruhestörung und sonstige schreckliche Dinge, die Flüchtlinge angeblich in unser Land tragen, würden sich ungehindert ausbreiten. Und überhaupt seien diese Menschen ja zu über 99% „Wirtschaftsflüchtlinge“, die nur hierherkommen, um unsere Sozialkassen leerzuräumen und den Ur-Deutschen ihre Jobs zu stehlen. Und der ganze Laden voller selbsternannter „Patrioten“ betreibt seine so ehrenvollen Geschäfte offenbar vor allem aus Fulda heraus, wie dieser Artikel der Frankfurter Rundschau entlarvt: http://www.fr-online.de/rhein-main/rechte-bewegung-in-hessen-rechte—stoppt-den-grossen-austausch-,1472796,31119164.html

Ich bin seit Jahren bei der Fuldaer Initiative „Welcome In“ aktiv, die viele Aktionen gemeinsam mit geflüchteten Menschen macht – und ich muss mir ganz verdutzt die Augen reiben, wenn ich solche hohlen Phrasen höre. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als euch, werte „Identitäre“, zu fragen:

Sagt mal – tickt ihr noch ganz richtig?

Hattet ihr irgendwann schon mal einen vernünftigen Austausch mit Geflüchteten? Irgendein Gespräch, dass über hohle „Ausländer raus!“-Parolen eurerseits hinausging? Habt ihr schon mal einen der Menschen, über die ihr hier herzieht – sei es aus Syrien, Eritrea, dem Irak oder sonstigen Ländern, in denen man gerade echt kein halbwegs erträgliches Leben führen kann, gefragt, warum er*sie hier ist? Diese Menschen kommen zu uns, weil ihnen nichts anderes übrig geblieben ist, als ihre Freunde und Familien zu verlassen. Glaubt ihr nicht? Dann springt mal über euren eigenen Schatten und wagt persönliche Gespräche mit denen, gegen die ihr hier blind vor euch hin hetzt. Dann würdet ihr vielleicht auch endlich mal merken, dass von diesen Menschen keine Gefahr ausgeht – zumindest wenn man sie nicht wie Tiere behandelt, sozial ausgrenzt und in die Illegalität zwingt. Wir von Welcome In haben in den letzten Jahren etliche wunderbare Freundschaften mit Geflüchteten aus aller Herren Länder geknüpft. Wir haben unglaublich viel Herzlichkeit und Dankbarkeit erfahren. Und – ihr werdet es nicht glauben – uns wurden bisher weder Schläge angedroht, noch wurden uns Drogen angeboten oder Müll um die Ohren geworfen. Dass sich das nicht nur auf unsere individuellen Erfahrungen bezieht, sondern dass es schlicht keine höhere Kriminalität im Umfeld von Asylunterkünften gibt, ist übrigens bewiesener Fakt! (Vgl z.B. http://www.fuldaerzeitung.de/artikelansicht/artikel/3723529/querbeet+wissen/steigt-mit-asylbewerberheimen-die-kriminalitat)

Was wirklich Sorgen macht seit ihr, eure rassistischen Parolen, euer geschichtsvergessenes Vaterlandsgedöns und daraus resultierende Anschläge auf Asylunterkünfte und Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen. Hört endlich auf mit dem Blödsinn und setzt eure Energie für was Vernünftiges ein, statt überall Angst und Hass zu schüren.

Aber mal abgesehen von dem Thema Asyl stellen sich bei der Lektüre eurer Flyer, eurer Website, eurer Aufkleber und sonstiger verbaler oder schriftlicher Diarrhö einige weitere Fragen über eure Gesinnung:

Sagt mal – was meint ihr eigentlich mit dieser hoch gelobten vaterländischen Tradition, die ihr bewahren wollt?

Auf welche Traditionen bezieht ihr euch da jetzt genau? Meint ihr vielleicht die deutsche Tradition, den halben oder gerne auch ganzen Kontinent zu überfallen oder Millionen Juden, Sinti, Roma, Menschen mit Behinderung und politische Gegner*innen zu vergasen? Oder bezieht sich das eher auf andere glorreiche Phasen der Geschichte? Nur zur Erinnerung: Deutschland hatte mal Kolonien und hat dort hunderttausende Menschen zu Grunde gerichtet, versklavt und umgebracht – von deren Seite war Sorge vor illegaler Einwanderung mal echt berechtigt, oder?

Was meint ihr sonst an großartigen Traditionen, die so hoch gefährdet sind? Nur so am Rande: Niemand wird es euch verbieten, Goethe und Schiller zu rezipieren und dabei eine Schweinshaxe mit Sauerkraut zu verschlingen. Mahlzeit!

Aber noch eine andere Frage:

Sagt mal – was meint ihr eigentlich mit „Masseneinwanderung“?

Das Thema scheint euch ja ganz nachhaltig zu beunruhigen… Vielleicht wollen wir mal kurz einen nüchternen Blick auf die Sache werfen? Letztes Jahr haben etwa 200.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragt. 200.000. Klingt viel? Deutschland hat zu Zeit etwa 80,6 Millionen Staatsbürger*innen. Macht nach Adam Riese 80,6 Millionen / 0,2 Millionen = einen Geflüchteten Menschen auf 403 deutsche Staatsbürger*innen. Potz Blitz! – das ist ja echt gefährlich, oder? Wie sollen wir das nur verkraften?

Und was die alles kosten! Heieiei! 2013 bezogen sich die Leistungen des Bundes für Geflüchtete (d.h. Unterbringung, Einrichtung, Leistungen nach Asylbewerberleistungsgesetz, etc.), auf cirka 1,5 Millarden € (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/164786/umfrage/ausgaben-fuer-asylbewerber-in-deutschland/). Das klingt natürlich nach einer Stange Geld. Im Vergleich dazu hatte der gesamte Bundeshaushalt 2013 Ausgaben von 302 Milliarden €. Die Ausgaben machen also knapp 0,5% des gesamten Haushalts aus. Hilfe! Da richtet uns aber wer echt wirtschaftlich zu Grunde, oder?

Und noch eine Rechnung: 1,5 Milliarden € / 80,6 Millionen Einwohner*innen? Kommt ihr selbst drauf? Das macht im Schnitt 18,61€ pro Staatsbürger*in für das ganze Jahr 2013! Das sind 1,55€ pro Monat! Himmelarschundzwirn!, das ist 5 Cent teurer als eine Bratwurst am Grillstand! Da muss einem echt Angst und Bange werden, oder?

Falls es an diesen Kosten scheitern sollte, dass ihr von euren stumpfsinnigen Aktionen endlich Abstand nehmt, dann meldet euch doch bitte bei mir. Dafür lass ich gerne eine Bratwurst springen!

Und dann zum Abschluss noch eine letzte Frage:

Sagt mal – von welcher „Identität“ redet ihr eigentlich die ganze Zeit?

Mit was genau identifiziert ihr euch denn? In der Psychologie bezeichnet man Identität „als »Selbst« erlebte innere Einheit der Person“. Es geht also um die*den Einzelnen. Und nicht um solche Hirngespinste wie „Deutsche“ Identität oder sonstige komische Gruppenzugehörigkeiten. Das sagt doch nichts über euch als Einzelpersonen aus. Was macht euch als Menschen aus? Deutschland einig Vaterland?? Jetzt ernsthaft? Habt ihr nichts Schöneres, viel Greifbareres und Erfahrbareres, mit dem ihr euch identifizieren könnt? Familie – Freunde, etc.? Falls es daran liegt dass ihr euch so aufspielt, dann tut es mir echt Leid. Aber lasst diesen Frust bitte nicht an Unschuldigen aus, die keiner Fliege was zu Leide getan haben.

Ein Tipp zum Schluss: Sich für statt gegen Andere einzusetzen ist echt schön und gibt einem ungemein viel. Und sinnvoll ist es noch dazu. Denkt mal drüber nach!

Menschenfreundliche Grüße, Jochen Schiersch.
Kontaktaufnahme über: meinung@welcome-in.org