„Es hat sich nichts geändert“ – Berthold Dücker leistet mit DDR-Fluchtbericht wichtigen Debattenbeitrag im Welcome In Wohnzimmer

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Flucht gab es schon immer. Zu verschiedenen Zeiten, in unterschiedlichen Teilen der Welt und unter den unterschiedlichsten Bedingungen – und doch gibt es zwischen allen Geschichten von Flucht und Vertreibung klar hervorstechende Parallelen. Diese Ähnlichkeiten unter die Lupe zu nehmen, nach den Hintergründen zu fragen und in Hinblick auf die aktuelle Situation in Fulda zu lernen – damit beschäftigt sich die Vortragsreihe „Flucht im Wandel der Zeit“ im Welcome In Wohnzimmer. Den Anfang machte am Freitag, 17. November, Berthold Dücker, der von seiner Flucht 1964 aus seiner Heimat Geismar/Rhön nach Fulda berichtete.

Berthold Dücker

In typisch gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre sprach der Siebzigjährige von seinem Leben als Jugendlicher in der DDR, seiner gefährlichen Flucht durch das Minenfeld in den Westen und seiner Laufbahn als Journalist, die er schließlich trotz anfangs schwierigster Umstände verwirklichen konnte.

Faszinierend waren für die Gäste im Wohnzimmer vor allem die Parallelen, die Dücker zu heutigen Fluchtbewegungen zog. Kurz nach seiner geglückten Flucht in den Westen schlugen ihm bereits Sätze wie „die wollen sowieso nicht arbeiten und liegen uns nur auf der Tasche“, „wer weiß, was die auf dem Kerbholz haben“, oder „die kommen hier rüber und klauen uns die Jobs“ entgegen. „Die“ waren damals die Geflüchteten aus der DDR – Deutsche, die unverschuldet auf die östliche Seite der Grenze geraten waren und ein durch die SED-Diktatur unterdrücktes Leben führten.

Aus dem intensiven Wunsch nach Freiheit und Selbstverwirklichung heraus machten sich damals Hunderttausende der im Osten lebenden Deutschen auf den gefährlichen Weg in den Westen. So auch Berthold Dücker, der im August 1964 mit gerade mal 16 Jahren zur Kneifzange seines Vaters griff, sich an den Grenzwachen vorbeischlich und den Stacheldrahtzaun, der Ost und West voneinander trennte, durchschnitt. Dücker wählte damals den lebensgefährlichen Weg durch das Mienenfeld des Todesstreifens in die Freiheit – und erkennt sich wieder in den Geflüchteten, die heute den nicht minder riskanten Weg über das Mittelmeer antreten.

Es sind damals wie heute vor allem junge Menschen, die genau wissen, dass dieser Weg ihr letzter sein könnte. Junge Menschen, die ihr Leben für Freiheit und die Flucht vor Angst und Unterdrückung riskieren“, so Dücker. „Es hat sich nichts verändert“, fügt er noch hinzu und bezog diese Aussage nicht nur auf die Gründe und die Flucht selbst, sondern auch auf die positiven wie negativen Reaktionen und Einstellungen, die die Geflüchteten bei ihrer Ankunft in Deutschland erwarten.

Er, wie die meisten der DDR-Flüchtlinge, seien damals von vielen nicht als hilfsbedürftige Mitbürger offenen Armes im Westen aufgenommen worden – „bei allen auch sehr liebenswürdigen Erfahrungen“. Als „dreckiger Russe“ der sich im Westen „nur einen faulen Lenz“ machen wolle und dem fleißigen Steuerzahler auf der Tasche liege, sei er gelegentlich beschimpft worden. Bereits im Flüchtlingslager Gießen habe man ihn, den noch Minderjährigen, mit der Möglichkeit einer baldigen Rückführung vertraut gemacht: „Unbegleitete Jugendliche“ wird diese Bevölkerungsgruppe heute genannt: Ein „Schock“ für Berthold Dücker. Sein Hinweis, darauf dass er doch nie wieder in seine Heimat im Sperrgebiet, dafür aber in Stasiknast kommen werde, sei gerne z. B. mit dem lapidaren Satz abgetan worden, so seien „nun mal die Gesetze“. Und in Behördenstuben habe er nicht selten hören dürfen, dass man ihm „jederzeit sofort und gerne“ auch auf dem Weg zurück zu den Eltern helfen könne, die sich dann bestimmt gerne um ihn kümmerten. Ganz ähnlichen Vorurteilen, Anschuldigungen und „Angeboten“ sind die Männer und Frauen ausgesetzt, die in den letzten Jahren aus verschiedenen Teilen der Welt als Flüchtlinge nach Deutschland kamen – mit dem Unterschied, dass die Sprachbarriere es häufig noch erschwere, Vorurteile abzubauen und mit Einheimischen in Kontakt zu treten.

Umso wichtiger seien gesellschaftliche Initiativen, die sich der gegenseitigen Verständigung widmen und die versuchen, Brücken zwischen dem „Die“ und dem „Wir“ zu schlagen, bekräftigte Dücker. Menschen in Not und Bedrängnis zu helfen, ganz gleich woher sie kämen, was sie glaubten und welche Hautfarbe sie hätten, sei „allererste Christenpflicht“. Im gleichen Zug sprach er ein großes Lob an die vielen Ehrenamtlichen im Landkreis Fulda und im „Wohnzimmer“ aus.

Sich immer wieder mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen und daraus in Hinblick auf das aktuelle Zeitgeschehen zu lernen – auch das hält Berthold Dücker für ungemein wichtig. Zu diesem Zweck setzt er sich bereits seit Mitte der neunziger Jahre für den Erhalt von Point Alpha ein. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass der ehemalige Militärstützpunkt der Amerikaner nicht entfernt und renaturiert wurde, sondern heute als Gedenkstätte, Mahnmal und Ort der politischen Bildung erhalten ist.

Die Gäste im Wohnzimmer erlebten einen spannenden, interessanten und lehrreichen Freitagabend. Man darf sich schon auf den nächsten Beitrag im Rahmen der Vortragsreihe „Flucht im Wandel der Zeit“ freuen. Weitere Infos dazu folgen.