Aufruf zum Ehrenamt – Unser Redebeitrag bei der Demo Jugend gegen Rassismus

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Bei der Demo Jugend gegen Rassismus am 27.4.2016 in Fulda war unsere Initiative mit einem Redebeitrag vertreten. Hier die Rede von unserem Aktiven Jochen Schiersch im Wortlaut:

“Hallo! Toll, dass ihr alle hier seid, um den Mund aufzumachen gegen Rassismus!

Vielen Dank an das Organisationsteam, dass ich hier etwas sagen darf. Mir liegt einiges auf dem Herzen.

Ich bin hier als Aktiver der Initiative Welcome In Fulda. Wir sehen unsere Aufgabe darin, geflüchteten Menschen, die hier im Landkreis wohnen, zur Seite zu stehen.

Ich möchte euch ein paar Anregungen geben, wie ihr geflüchteten Menschen hier im Landkreis konkret weiterhelfen könnt.

Dazu ist es erstmal wichtig, zu verstehen, in welcher sozialen Situation sich die meisten geflüchteten Menschen hier befinden.

Viele Geflüchtete leben in einer Situation, die ich als „entwurzelt“ bezeichnen möchte.

Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen geflohen, und viele haben alles verloren, was sie sich bis dahin aufgebaut haben. Viele verstehen die Sprache hier nicht, sie haben hier oft keine Freunde oder Familie, sie haben hier keinen Besitz und sind auf Sozialleistungen angewiesen. Ihre Berufs- oder Studienabschlüsse werden hierzulande oft nicht anerkannt. Sie stehen vor einem völligen Neuanfang, und gleichzeitig vor der Ungewissheit, ob sie hier überhaupt bleiben dürfen oder ob sie abgeschoben werden. Von vornherein werden sie hier in die Ecke der „Bedürftigen“ gestellt. Auf die individuellen Stärken und Fähigkeiten, die ein jeder hat, wird von Seiten der Behörden für gewöhnlich kaum eingegangen. Viele wollen arbeiten, finden aber häufig keinen Job, was zum Beispiel an der Sprachhürde und an den fehlenden Beziehungen, aber auch an rechtlichen Hindernissen liegt.

Hinzu kommen häufig traumatische Erlebnisse vor und während der Flucht sowie Ängste und Sorgen um ggf. zurückgebliebene Freunde und Verwandte.

Viele geflüchtete Menschen befinden sich also in einem Zustand der Angst, Unsicherheit und Abhängigkeit!

Dazu kommen die Bedingungen des Lebens in Asylunterkünften.

Die derzeit 50 Gemeinschaftsunterkünfte im Landkreis unterscheiden sich massiv voneinander.

Es gibt Unterkünfte, die ich als gut, und manche die ich als miserabel bezeichnen würde.

Je nachdem in welcher Unterkunft man wohnt, unterscheidet sich die Lebensqualität einzelner Betroffener massiv voneinander. Man könnte ganze Bücher füllen mit Erfahrungsberichten von Geflüchteten aus Asylunterkünften, beispielsweise von der Wasserkuppe, wo etliche Menschen den ganzen Winter mitten in der Pampa unter unhaltbaren Bedingungen verbracht haben.

Ich berichte nun beispielhaft über die Zustände in der Unterkunft in der Frankfurter Straße in Fulda. Dort führt Welcome In auch die meisten der Aktivitäten wie Deutschkurse und Spieleabende durch, weshalb wir die Situation dort gut einschätzen können.

Momentan wohnen hier 115 Asylsuchende, darunter sind vier Frauen. Sie leben hier in Mehrbettzimmern mit bis zu 4 Menschen, viele über Jahre hinweg. Ein Bewohner lebt seit 15 Jahren in der Gemeinschaftsunterkunft.

Alleine schon diese Form der Unterbringung führt zu Konflikten. Stellt euch mal vor, ihr würdet über Jahre hinweg in einer WG mit 115 Menschen wohnen, und ihr hättet kein eigenes Zimmer und damit auch kaum Privatsphäre. Ihr könnt euch hoffentlich vorstellen, wie groß hier das Frustpotenzial werden kann.

Es genügt, wenn unter diesen 115 nur eine oder wenige Personen sind, die „Stress“ machen, um für große Unruhe, Beschwerden und Frust bei allen Bewohnerinnen und Bewohnern zu sorgen.

Was würde wohl passieren, wenn man 115 Menschen aus Fulda so unterbringen würde? Das kann so nicht gut gehen! Und das hat nichts mit einer vermeintlich anderen Kultur der Geflüchteten zu tun, sondern damit, dass wir sie schlecht unterbringen. Das muss sich ändern!

Leider ist eine Lösung der Probleme in dieser Unterkunft nicht in Sicht. Derzeit wird die Unterkunft ausgebaut und die Kapazität soll um weitere 50-60 Plätze erhöht werden. Wir verlangen deshalb von den Behörden und der Politik ein Umdenken! Eine Unterbringung von Geflüchteten in so großen Unterkünften ist keine Lösung, sondern Teil des Problems!

Von daher stimme ich einer Forderung der Organisatorinnen und Organisatoren dieser Demo völlig zu: Eine dezentrale Unterbringung in kleinen Unterkünften oder am besten in Privatwohnungen wäre viel besser und in vieler Hinsicht von großem Vorteil für unsere neuen Nachbarn.

Hier gibt es aber Probleme, bei denen wir als Einzelpersonen konkret unterstützen können: Der Landkreis Fulda hat viele Schwierigkeiten, passende Wohnungen zu finden. Hier sind wir gefragt! Es gibt ca. 200 Menschen, die seit langem in Gemeinschaftsunterkünften in der Region wohnen, obwohl ihr Asylverfahren bereits abgeschlossen ist und sie eigentlich ausziehen dürften. Sie finden hier aber, auch auf Grund von Alltagsrassismus von Seiten einiger Vermieterinnen und Vermieter, keine Wohnung. Deshalb ganz konkret an euch die Frage: Habt ihr die Möglichkeit, Menschen in eure WG’s oder Wohnungen aufzunehmen? Dann meldet euch beim Landkreis! Wir können hier alle aktiv mithelfen!

Auch in vielen anderen Aspekten können wir unseren neuen Mitmenschen sehr weiterhelfen. Dazu ist es wichtig, dass wir die Personen über die wir hier reden, persönlich kennenlernen. Generell sollten wir mit einzelnen Menschen und weniger pauschalisierend über „die Flüchtlinge“ sprechen.

Ich bitte euch daher: Geht auf Asylsuchende hier im Landkreis zu, redet mit ihnen, seid offen, hilfsbereit und in einer positiven Art und Weise neugierig.

Ihr habt, alleine, dadurch, dass ihr hier wohnt, Fähigkeiten, mit denen ihr Asylsuchende sehr unterstützen könnt.

Nehmt Leute mit zu euren Sportvereinen! Helft ihnen bei der Jobsuche! Unterstützt sie bei Behördengängen! Helft beim Deutschlernen!

Unterstützt sie bei ihrem Neuanfang hier im Landkreis! Es gibt ganz viele und einfache Wege, wie ihr einzelnen Menschen bei großen Problemen deutlich weiterhelfen könnt.

Aus eigener Erfahrung kann ich mit voller Überzeugung sagen, dass diese Form der Solidarität nicht nur sinnvoll ist, sondern auch unglaublich viel Spaß macht, und dass man dabei sehr viel dazulernt.

Zurzeit leben im Landkreis Fulda etwa 3.000 Menschen in Gemeinschaftsunterkünften. Insgesamt sind circa 4.500 Asylsuchende im Landkreis untergebracht. 4.500!
Der Landkreis hat etwa 217.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Wenn nur jeder fünfzigste hier im Landkreis bereit wäre, sich für einen unserer neuen Nachbarn aktiv einzusetzen, hätten wir eine 1:1-Betreuung! Das muss doch zu schaffen sein! “Refugees Welcome!” – Diesen Slogan sollten wir mit Inhalten füllen.

Deshalb bitte ich euch: Werdet aktiv! Sucht den Kontakt zu geflüchteten Menschen hier im Landkreis! Ihr könnt bei Interesse auch gerne auf uns oder andere Flüchtlingsinitiativen im Landkreis zugehen. Wir haben in den letzten Jahren viele Erfahrungen gesammelt, die euch weiterhelfen könnten. Bei Interesse vermitteln wir auch Patenschaften mit Asylsuchenden.

Wir sollten froh sein, dass zur Abwechslung mal Menschen nach und nicht vor Deutschland fliehen!

Jetzt sollten wir gemeinsam alles Notwendige tun, um unsere neuen Mitmenschen hier willkommen zu heißen und ihnen den Neustart soweit es geht zu erleichtern.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!”